Bestseller-Autor Volker Maaßen legt zur ´SuedLese` seinen Arzt-Kittel ab:

Bitterleichte Lyrik als Medizin

Ein Tänzchen aber auch Gedichte verlängern nicht nur seine "Überlebenszeit": Poet und Arzt Volker Maaßen (Foto: PR)

Lyrik auf Rezept: Volker Maaßen ist nicht der erste Arzt, der sich auch als Lyriker und Literat einen Namen gemacht hat. Robert Gernhardt war sein Lehrmeister, Ringelnatz und Kästner seine Vorbilder. Und so ist auch der Sound seiner Gedichte. „Tiefgang“ sprach mit ihm …

Der bekannte deutsche Lyriker Anton G. Leitner umschrieb das Werk und die Person Maaßens einmal wie folgt:

„Wer so oft mit Geburt und Tod konfrontiert war wie Volker Maaßen, der begegnet dem Phänomen Sprache mit dem Mikroskop und dem Seziermesser. Er wiegt die Metaphern und Rhythmen genau ab, betrachtet sie von innen und lässt sie anschließend wieder frei, damit er ihnen beim Fliegen zusehen darf. Und manchmal danken sie es ihm mit ein paar Zeilen, die sich auf seinem Schreibtisch zu einem Gedicht zusammenfügen. Zu Versen über die tiefen Gegensätze der menschlichen Existenz, die auch die Anziehungs- und Abstoßungseffekte einer Paarbeziehung ins zahnradgetriebene Werk der großen Weltenuhr einbetten: „Ich // bin der große / Zeiger einer Uhr // auf Sternengrund / und du / zeigst dich nur wenig // von der Zeit / zu zweit / bewegt“.

Tiefgang: Herr Maaßen, Sie beteiligen sich am 25. März an der SuedLese, den Literaturtagen in Harburg. Hatten Sie jemals das Gefühl, auf der „falschen“ Seite von der Elbe zu leben?

Volker Maaßen: Sicher sind wir nicht auf der falschen Seite des Flusses, sondern auf der linken Seite. Das klingt doch schon mal freundlicher und ist mir als Alt-68er auch angemessener.

TG: Wie finden Sie die SuedKultur, deren Ziel und Sinn es ist, die Kulturangebote des Südens in ihrer Wahrnehmung zu stärken?

Maaßen: Ich bin wie Sie ebenfalls der Meinung, dass wir für die Entwicklung der Kultur hier im Süden mehr tun könnten. In Wilhelmsburg ist ja schon die Entwicklung im Fluss. Da sind wir also wieder bei der Elbe, Tiefgang kommt dann auch hinzu, wenn das mit der Vertiefung beginnen sollte.

TG: Nun zu Ihnen: Es ist sicherlich nicht sehr originell, wenn ich Sie gleich zu Beginn auf Ihren Brotberuf als Arzt anspreche. Wissen Ihre Patienten eigentlich von ihrem Doppelleben als Mediziner und Lyriker oder halten Sie sich an die ärztliche Schweigepflicht?

Maaßen: Verschweigen konnte ich meine literarischen und lyrischen Aktivitäten in Harburg  schon deshalb nicht, weil ich wiederholt im ´Hamburger Abendblatt` erwähnt wurde. In den ersten Jahren hatte ich aber bewusst auf die Nennung des Titels verzichtet, besonders, wenn ich nördlich der Elbe z.B. in der offenen Lesebühne in Altona oder den vielen anderen Lokalitäten auch in Berlin oder im Theater Puttbus auf Rügen aufgetreten bin. Auch die Seminare, so auch beim deutschen Lyrikpapst Anton Leitner, habe ich, was den Medizinberuf betraf, inkognito gemacht.

Den Kittel gegen den Schal zu tauschen, ist eine Entlastung…

TG: Müssen Sie Ihren weißen Kittel ausziehen, um lyrisch zu werden oder lassen sich beide Tätigkeiten miteinander vereinbaren?

Maaßen: Es war immer wie eine Entlastung, wenn ich den weißen Kittel gegen meinen roten Schal und die Baskenmütze austauschen konnte. Das war, wie das Ablegen einer Fußfessel. In meinen Büchern mit lustigen Segelgeschichten und meinem ersten der beiden Lyrikbände (bitterleichte Lyrik) ist kein Hinweis auf meinen Beruf zu finden. 

TG: Sie haben also nie von Ihrem Titel profitiert?

Maaßen: Eine bekannte „Vermarkterin“ eines Medienkonzeptes überredete mich, bewusst auch meinen Beruf einzusetzen, in Anlehnung an andere bekannte Lyriker, deren erlernter Beruf ebenfalls der eines Arztes ist. Nicht nur Benn. Deshalb der neue Titel: Lyrik auf Rezept.

TG: Wussten Sie, dass es im Internet eine Poesieapotheke gibt? Mit Rezept-Blog. Verordnet wird Schreiben, Lesen, Erzählen und Zuhören. Wenn ich schon einmal die Gelegenheit habe, einen Arzt dazu zu befragen: Was ist aus Ihrer Sicht dran, dass Lachen die beste Medizin ist und Schreiben bei der Selbstklärung und Verdauung mancher Probleme hilft?

Maaßen: Lachen ist die beste Medizin, naja. Jedenfalls ist es eine hilfreiche Medizin. Nachweisbar für eine Verlängerung der Überlebenszeit nach einem Krebs ist, was den Brustkrebs betrifft, richtige Ernährung, vor allem aber Bewegung. Wenn dann noch ein etwas engerer menschlicher Kontakt hinzu kommt, kann das den Erfolg noch steigern. Auch wenn wir Männer das nicht gerne hören, Tanzen erfüllt diese Voraussetzungen. Wohl auch Gedichte, besonders wenn sie in der Gemeinschaft erlebt werden. Lachen wirkt über die Freisetzung von Neurotransmittern ebenfalls  immunstimulierend. Für die Verdauung sind wohl andere Mittel hilfreich.

TG: Ist Ihre Zielgruppe auch er, sie, es, wir, ihr, Sie alle oder sprechen sie einen ausgewählten Personenkreis an?

Maaßen: Lyrikliebhaber und solche, die es werden wollen. Ich bin sicher, meine Gedichte werden viele Hörer und Leser erreichen, vielleicht aber erst, wenn ich es nicht mehr erlebe.

TG: Verlage sind in der Regel beim Thema Lyrik sehr zugeknöpft und in der Tat ist der Markt nicht gerade riesig. Wie sind Ihre Erfahrungen? Lässt sich Lyrik schwer vermitteln?

Maaßen: Lyrik lässt sich nur sehr schwer bei Verlagen unterbringen. Oft ist es ein Zusatzgeschäft und kann von den Verlagen nur durch eine Querfinanzierung getragen werden. Meine bereits genannte Vermarkterin hatte meine Gedichte auf einer Lesung gehört und sie war so begeistert, dass sie meinte, mir helfen zu können. Von meinen ersten beiden Büchern habe ich über 600 im Rahmen von Lesungen verkaufen können. Über 300 zählt man bei Lyrik schon als Bestseller. Bei den nächsten beiden Bänden werden es dann 200.000 – leider wohl nur Buchstaben – sein. Sie ist auch bemüht, meine weiteren Gedichte, es sind sicher noch über 250, in bekannteren Verlagen unterzubringen.

TG: Ich selber kenne mich nicht allzu gut in dem Genre aus, aber ich mag beispielsweise „Fragen“ und vieles andere von Erich Fried oder auch Christian Morgenstern. Manches nehme ich begeistert auf, anderes stößt auf taube Ohren. Glauben Sie, dass eine innere Stimme den therapeutischen Wert eines Textes auf Anhieb am Klang erkennt und dann bereitwillig die Medizin zu sich aufnimmt?

Mit Robert Gernhardt nächtelang getrunken und Gedichte besprochen

Maaßen: Morgenstern , Fried, Masha Kalenko, ja ich wäre froh, wenn meine Gedichte irgendwie dem Klang derer Gedichte ähneln würden, wohl auch Ringelnatz, ein Schuss Kästner, selbst Heinz Ehrhardt. Etwa 90 % der zurzeit von anerkannten Dichtern veröffentlichten Werke sind in freier Lyrik geschrieben. Ich beobachte aber, dass in der letzten Zeit wieder der Rhythmus und Reim zunimmt. Das Gehirn freut sich, wenn es diese Elemente erfährt, beide Sprachbesonderheiten sind als  wirksames neuronales Muster im Sprachverständnis des Gehirnes angelegt.

TG: Sehen Sie im Humor eine wichtige Befähigung, mit schwierigen Situationen und Lebenslagen umzugehen?

Maaßen: Ich habe in meiner Berliner Zeit mehrere Tage mit Robert Gernhardt zusammengesessen, getrunken und nächtelang Gedichte besprochen. Seit der Zeit sehe ich mich als Schüler der Neuen Frankfurter Schule mit den komischen Gedichten. Besonderheit dieser Gedichte ist der Tabubruch, aber auch der Einsatz von Metaphern. Viele meiner satirischen „komischen“ Gedichte beinhalten Metaphern, die auf eine unterliegende Traurigkeit verweisen, mit der ich das so häufig erlebte Leid zu verarbeiten suche

TG: Was wünschen Sie sich am allermeisten für die kommende Lesung und Ihr Wirken ganz allgemein?

Maaßen: Mir wird gesagt, meine Gedichte hätten einen aus der Menge der Gedichte herausragenden Sound. Mich würde es freuen, wenn es zuträfe.

TG: Ich freue mich auf Ihre bitterleichte Lyrik am 25. März und danke Ihnen sehr für das Gespräch!

Wer mag, findet auf Facebook die ´Mittwoch-Gedichte` von Volker Maaßen.

 Wir lassen diesen Beitrag komisch ausklingen.

 End lich

Ermattet sprach der Terrorist:

„Ich wünsch, dass es zu Ende ist.

Ich möcht nicht kämpfen oder hassen,

ich möcht die Seele baumeln lassen.

Ach hilf mir Jesus Christus“, denkt er,

schon hängt er.“ (Volker Maaßen)

 

Bisher erschienen:

 

Volker Maaßen liest am Samstag, den 25. März um 20h in der KulturWerkstatt Harburg, Kanalplatz 6, 21079 Hamburg.

(Das Gespräch führte die „Tiefgang“-Kolumnistin Philo-Sophie Selbst-Zweifel, 23. Feb. 2017)

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