Initiative fordert Stopp der Sanierung und lädt zur Demo

„Bismarck stoppen!“

Es geht um seinen Kopf: Bismarck (unten) (Foto: Falco / Pixabay)

Die Initiativen „Intervention Bismarck-Denkmal Hamburg“ und „Decolonize Bismarck“ fordern Einstellung der Restaurationsarbeiten und laden am Sonntag zur Demo.

In der Mitteilung und zugleich Einladung zur Demonstration heißt es:

„DENKMÄLER STÜRZEN

Im Rahmen der Proteste der »Black Lives Matter«-Bewegung gegen Polizeigewalt und Rassismus haben Aktivist:innen in den letzten Wochen weltweit Denkmäler für Rassisten, Sklavenhändler und Kolonialakteure vom Sockel geholt – ob in den USA, Neuseeland, Belgien oder England. Als Reaktion darauf ließ etwa Antwerpen eine Statue des belgischen Königs und Kolonialverbrechers Leopold II. abbauen, der für die »Kongo-Gräuel« verantwortlich war, und will in den USA die Partei der Demokraten Denkmäler aus dem Kapitol entfernen lassen, die Kämpfer der Konföderierten Staaten im US-Bürgerkrieg würdigen und damit Versklavung verherrlichen.

UND HAMBURG?

Hamburg putzt sein monumentales Bismarck-Denkmal für 9 Millionen Euro heraus, um es aufzuwerten. Dabei war Reichskanzler Otto von Bismarck ein Antidemokrat, Antisemit, Kriegstreiber und Wegbereiter der deutschen Kolonialpolitik.

KEIN DENKMAL FÜR EINEN KOLONIALAKTEUR UND »POSTERBOY« DER RECHTEN

Im Verbund mit Hamburger Kolonialkaufleuten, allen voran Adolph Woermann, schickte Bismarck Kriegsschiffe nach Westafrika, um die Handelsinteressen der Koloniallobbyisten an der dortigen Küste zu schützen und gegen widerständige Afrikner:innen mit Waffengewalt durchzusetzen. 1884/85 richtete er die Berliner Afrika-Konferenz aus, bei der westliche Mächte den afrikanischen Kontinent eigenmächtig unter sich aufteilten. Afrikaner:innen waren nicht eingeladen. So ehrte das Hamburger Großbürgertum mit dem 1906 eingeweihten Denkmal nicht nur den »Reichseiniger« von 1871, sondern auch und vor allem den Förderer ihrer über Leichen gehenden Kolonialgeschäfte. Die Hamburger Arbeiterschaft dagegen lehnte das Standbild für den »Sozialistenfresser« Bismarck ab und blieb der Einweihung fern. In den 1920er-Jahren war das Denkmal Ziel national-revanchistischer Aufmärsche, was zu Straßenschlachten mit Gegendemonstrant:innen aus den benachbarten Arbeitervierteln führte. Die Nationalsozialisten machten aus dem Sockel einen Bunker und brachten dort völkische Ornamente und Parolen an, die noch heute vorhanden sind. Nach 1945 wurden hohe Bäume gepflanzt, um das Standbild den Blicken zu entziehen. 2003 sorgten bei der Einweihung der von Bismarck-Verehrer:innen bezahlten neuen Beleuchtung des Denkmals Mitglieder der extrem rechten Burschenschaft Germania für »Ordnung«, Gegendemonstrant:innen hielt die Polizei fern. Heute macht die AfD Bismarck zu ihrem »Posterboy« und druckt sein Porträt auf Tassen, T-Shirts und Transparente; der Thüringer AfD-Chef Bernd Höcke verlieh beim »Flügel«-Treffen 2020 erstmals eine Bismarck-Medaille.

Und in Hamburg? Ausgerechnet die SPD, die Bismarck 1878 als »gemeingefährlich« verbieten ließ, gibt heute Millionen an Steuergeldern aus, um das Denkmal im Stadtbild aufzuwerten. Dass wegen der baufälligen Statik dringender Handlungsbedarf für eine Sanierung bestand, ist mittlerweile wieder vom Tisch. Gleiches gilt für die Überlegung, außen Schautafeln zur historischen Einordnung des Denkmals zu errichten. Und das »Erinnerungskonzept«, das die Kritiker:innen besänftigen sollte? Steht in den Sternen.

UNSERE FORDERUNGEN

Die Unterzeichner:innen dieses Aufrufs fordern daher einen sofortigen Baustopp! Es bedarf einer breiten zivilgesellschaftlichen Debatte und Beteiligung beim Umgang mit dem Denkmal. Dabei müssen vor allem die Nachkommen der Kolonisierten maßgeblich beteiligt werden. Wir fordern einen öffentlich ausgeschriebenen Wettbewerb, bei dem Künstler:innen, auch aus afrikanischen Ländern, eine Kontextualisierung des Standbilds oder eine Umwandlung in ein entheroisierendes Gegendenkmal entwickeln und auch umsetzen.  Wird die Sanierung des Denkmals dagegen fortgesetzt, reproduzieren die Stadt Hamburg und der von SPD und Grünen geführte Senat Kolonialismus – und damit auch Rassismus.

#Blacklivesmatter“

Termin: Sonntag, 28. Juni 2020, 12–13 Uhr: Helgoländer Allee • 20459 Hamburg

Veranstalter: Intervention Bismarck-Denkmal Hamburg, Initiative Decolonize Bismarck

Unterstützer: Hamburger Bündnis gegen Rechts, Flüchtlingsrat Hamburg, Interventionistische Linke, VVN-BdA Kontakt: bismarckdenkmalhh@gmail.com

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