Die Kolumne von Sophie Selbst-Zweifel

Bedeutung verleihen

Foto: Paul Henri / Pixabay

Ich heiße Sophie und ich bin Denkerin. Was auch immer das bedeuten mag.

Vielleicht, dass ich mir das Leben nicht immer recht einfach mache und nur oberflächlich betrachte, sondern mehr erfahren und verstehen will. Vielleicht, weil ich vermeintliches Wissen neugierig hinterfragen und Vertrautes mit einem Staunen mischen möchte, um das Wunderbare zu bewahren.

Was könnte anregender sein, als etwas der eigenen Betrachtung zu unterziehen und in Ruhe die Wirkung abzuwarten?

Heute widme ich mich der Kunst und frage mich, was das soll. Wir lachen bei dem Spruch: „Ist das Kunst oder kann das weg?“, weil wir im Gegensatz zu dem Spruch so vieles nicht verstehen im Zusammenhang mit Kunst. Sie scheint wenig Bezug zu unserem Leben zu haben, hängt exklusiv in Museen, Kunsthallen oder bei reichen Leuten, ist selten und exorbitant teuer bis unbezahlbar. Um den Wert zu beziffern, braucht es Sachverständige und Auktionen.

Doch was ist Kunst abgesehen von rentabler Investition und geldwerter Ware?

Ich denke, Kunst geht weit über unser Vorstellungsvermögen hinaus. Sie kann uns etwas vor Augen führen, was zuvor nicht da war. Sie erschafft etwas Neues, Einzigartiges. Im schöpferischen Akt färbt und formt sie etwas aus einer Ahnung heraus und gibt der Intuition Gestalt. Der Künstler vermag Flüchtiges zu fixieren, auf ein Geheimnis zu verweisen und vermittelt eine Ahnung vom Austausch zwischen Geist und Materie.

Manchmal gelingt das Wunderwerk: Wenn der Betrachter sich angesprochen fühlt, also etwas in seinem Inneren in Resonanz tritt, dann hat ihn die Kunst erreicht. Dies geschieht nur selten. Denn meistens begegnen wir Kunst in einem Rahmen, der uns ablenkt, oder sie betrifft uns rein gar nicht. Wir können Eintritt bezahlen und Ausstellungen besuchen, wir können Kunstgeschichte studieren und uns schlau machen, wer Rang und Namen hat. Aber wo, wenn nicht in unserem Inneren, können wir Kunst wirklich würdigen und ihr den Platz einräumen, der ihr gebührt?

Darum befürworte ich mehr Zeit und Raum, um Kunst zugänglich zu machen.

In Harburg (!) wird nun durch eine Stiftung eine andere Art der Auseinandersetzung mit einem Bild möglich gemacht: Gegen eine geringe Leihgebühr kann man sich ein Werk aussuchen, mit nach Hause nehmen, in den eigenen vier Wänden und in aller Ruhe auf sich wirken lassen. Ich bin mir sicher, dass sich darüber ein neues Verhältnis zur Kunst entwickeln kann. Nicht, weil ein Bild billig zu haben oder einfach „hübsch“ ist und sich gut über dem Sofa macht, sondern weil man eine innige Beziehung eingehen kann. Denn Bilder sprechen eine andere Sprache und sagen manchmal mehr als tausend Worte.

 

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