Die Kolumne von Sophie Selbst-Zweifel

Ausgemerzt

Foto: Sonja Alphonso

Ich heiße Sophie und ich bin Denkerin.

Ich mache mir Gedanken über die Natur des Menschen. Er wird immer künstlicher, allen voran die Frauen, die mit Haut und Haar der schönen Fassade Vorschub leisten. Möglicherweise, weil sie zeitlebens die Erfahrung machen, dass das bei Männern gut ankommt, und sich selbst sicherer fühlen in einer gekonnten Ver-Kleidung, mit Push- und Make-up, gefärbten Strähnchen und lackierten Fingernägeln.

Doch es kommt noch krasser: Die Kunstform der aufgeklebten Kreationen ist heutzutage besonders stylisch und die Nagelstudios schießen wie Pilze aus dem Boden. Wie Imbissbuden säumen sie die Wege. Ich habe die befremdliche Vorstellung, dass sich unter dem schönen Schein kranke, abgekaute Mangelerscheinungen verbergen.

Slogans á la „Merz-Spezial-Dragrees – natürliche Schönheit kommt von innen“ ist out. Dafür sind Schönheitsoperationen, Korrekturen im Gesicht und am Körper schwer im Kommen. Übrigens werden auch zunehmend Männer von diesem Wahn-Sinn erfasst.

Manche mögen es bedauern, dass es Photoshop für den echten Menschen noch nicht gibt, damit man auf die Schnelle mit ein paar Klicks aussehen kann wie ein hochglanzgeglätteter Promi auf dem Titelbild á la TV Spielfilm?

Das ist wohl nur eine Frage der Zeit. Der Erforschung und Schaffung künstlicher Intelligenz ist längst auf dem Vormarsch und die Umwelt wird aus Gründen der Anpassung an die Technik einer digitalen Radikal-Kur unterzogen. Möglicherweise löschen wir uns am Ende selber aus, aber das ist dann die konsequente Korrektur eines Schönheitsfehlers der Natur.

(29. Mai 2017, SZ)

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