Einige Worte zur Decke, damit sie nicht auf den Kopf fällt …

Anti-Körper

Foto: Michael Gaida / Pixabay

John Pütz sitzt wie wir alle zuhause und macht sich so seine Gedanken …

Es gibt Menschen, die sich offenbar aus einem inneren Grundsatz gegen den Mainstream bewegen. Oder aus Überheblichkeit, wie einst die Manta-Fahrer, die auf der Heckscheibe   diesen Aufkleber hatten: „Eure Armut kotzt mich an!“, über den die meisten sich empörten, einige wenige hingegen sich fragten, wer denen eigentlich den Aufkleber unauffällig dahin gesetzt hatte.

Also Leute, die sich gegen etwas verhalten, nicht etwa, weil ihnen die Schwarmintelligenz verwerflich erscheint. Eher nur so. Das Prinzip „ich nicht!“ als Dogma eben.

Bertie ist so einer. Ich bin mir ziemlich sicher, dass er alle möglichen Namen tragen könnte, aber sicher nicht wirklich Berti heißt. Aber alle nennen ihn so und solange man noch andere Dinge im Leben vorhat, als sich Geschichten anzuhören, fragt man besser nicht nach.

Alle sind übrigens die am Kiosk. Da wo sich abendlich zufällig ein Teil der Nachbarschaft beim Bierholen trifft, einen kleinen Schnack hält, ein, zwei Zigaretten zusammen raucht, man dies und das erörtert, vielleicht noch ein, zwei Jägermeister ausgibt und gegeben bekommt und nächsten Abend wieder hingeht, weil man vergessen hatte: man wollte ja eigentlich ein Bier dort holen …

Und da ist dieser Tage natürlich auch Corona das große Thema. Also natürlich nicht das Virus selbst, auch wenn vermutlich alle mittlerweile genau beschreiben könnten, wie es aussieht.

Aber dass ja etwa die Luise mit ihren 75 Jahren es jetzt ganz besonders schwer hat. Weil wie soll die nun ihren Sohn noch sehen? Wobei nicht darüber geredet wird, dass der Sohn eh nur einmal im Jahr vorbeischaut und wenn er dann da war, am Kiosk dann mindestens eine Woche lang diskutiert wird, dass der doch ganz sicher nur da war, um endlich Luise wegen der Erbschaft zu beschwatzen. Ja, die Luise hat es dieser Tage also besonders schwer.

So ähnlich mit Johanna, der Alleinstehenden aus der 36b – die hat es auch nie einfach gehab im Leben – oder dem Fietje, auf den seine Eltern nie gut zu sprechen waren und er ja doch so viel ganz alleine hinbekommen hat: er ist trotz Schulabbruch volljährig geworden, hat der gut anlaufenden Drogenkarriere einen soliden Entzug vorgezogen und auch so sei Verlass auf ihn, wenn man nicht so pingelig sei, und bei seiner angebotenen Umzugshilfe wirklich neun Uhr morgens statt  „im Laufe  des Tages“ erwartet. Und der Fietje sei ja jetzt quasi „Risikogruppe“, weil der ja im Grunde immer „Risiko“ ist.

Und dann kommt Berti und haut einen raus. „Mensch, Berti! Gut siehst Du aus? Und so braungebrannt!“, sagt Elma. „Ja, Danke. Schönheit kommt von innen und die Bräune ist noch vom Skiurlaub in Ischgl. Das war der Hammer!“ Und dann erstmal laut und weiträumig in die Gegend schnäuzen. Dazu demonstrativ mit wedelndem Taschentuch. Dies, kaum in der Hosentasche versenkt, reibt er sich – Hygiene ist wichtig! – die Hände an den Hosenbeinen ab und läuft auf Irma zu: „Irma, Mensch, lange nicht gesehen! Lass Dich mal umarmen!“

Fünf Leute springen quasi auf Knopfdruck 1,50 Meter zurück.

„Ach, der Fiete kriegt das schon hin“, so Bertie unbeirrt weiter im Text. „Hab´ ich gestern noch zu Melli (seine Lebensgefährtin, für die, die an der Kiosk-Runde erstmals teilnehmen) beim Italiener gesagt.“ „Italiener?“, stutzt Simon. „Ja, klar. Wenn Du bei Antonio hinten an der Tür klopfst, kriegste den VIP-Tisch. Vorne ist doch nur außer Haus!“, lacht Berti breit und das geht fast bewusst, zumindest „just in time“ in ein ausgiebiges Husten mit Allerlei über. Wieder der 1,5 Meter-Effekt.

„Meinst Du nicht, dass der rechte Zeitpunkt ist, mal weniger zu rauchen?“, fragt Siggi aus der Runde. „Ach Quatsch“, kontert Berti umgehend. „Der Teer in meiner Lunge lässt ´den Chinesen` (!) glatt die Lunge runter rutschen. Will noch wer ´nen Schluck Eierlikör?“, und hält die Flasche in die Runde.

Das meine ich, wenn ich sage, es gibt so Leute, die sind einfach immer und nur so gegen den Mainstream.

Mich wunderte es nicht, als mir am nächsten Tage jemand sagte, da sei ein Bescheuerter mit einer Alien-Faschingmaske im Discounter aufgetaucht und hätte laut am Eingang vor sich hingebrabbelt „dann wollen mir mal sehen, was wir für die Grillparty heute so zusammen bekommen“ und dann – wer hätte es gedacht? – gut hörbares Keuchen, Schnauzen und Hände an den Hosenbeinen abwischen. Hygiene muss sein!

Euer John Pütz

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