Einige Worte zur Decke, damit sie nicht auf den Kopf fällt …

Fördern und Fordern

Foto: Alexas_Fotos / Pixabay

John Pütz sitzt wie wir alle zuhause und macht sich so seine Gedanken …

In diesen Tagen wird viel telefoniert. Leute suchen wieder Kontakte, die ewig nicht aktiviert wurden. Fast so wie ein Schultreffen nach 20 Jahren. Erst freut man sich und wenn man genauer drüber nachdenkt, weiß man nicht, warum der nach 20 Jahren wieder aufgewärmt wird, wo man doch sonst keinen Gedanken dran verschwendet hat.

So auch bei Micha.

Micha rief an und wollte mal hören, ob es mir gut geht.

Mir entgegnete zugegebenermaßen nicht ganz höflich, „bis hierhin ja“.

Er hatte die Spitze nicht gemerkt.

Von Micha hörte ich alle Jubeljahre mal und meist nichts Erbauliches. Nach seiner langen Tätigkeit in einem Call-Center – ich denke, es müssen so 13 Monate gewesen sein, lang genug jedenfalls, dass er in eine Hartz IV-Besoldung überging – schien er in letzter Zeit einen recht einfältige Blick auf die Dinge bekommen zu haben. Wenn hatte er von Paragraphen, Wohngeld, Zusatzleistungen oder 9-Uhr-Tickets geredet. Ich denke mal, dass  es systemrelevanter Wortschatz aus dem Hartz-IV-Duden ist.

Nun aber schien er ganz emsig und aufgekratzt. Also ließ ich mich lumpen und fragte, wie es ihm denn so ginge. Eine Frage, die ich für gewöhnlich meist und besser nicht stelle. Denn es ist ja immer auch eine Einladung zu Erzählungen die man im Grunde gar nicht wissen will.

Gut ginge es ihm. „Es läuft“, hörte ich da gar.

Wie es komme und ob er nun ein neues Betätigungsfeld für sich gefunden habe? „Aber ja!“, stieß es aus ihm heraus. Es war nicht dieser Ton innerer Zufriedenheit, den man hätte erwarten können. Nein, es war mehr. So eine Art Wichtigmensch-Ton. Den kennt man, wenn Leute einem anerkennenden für das eigene Dahindarben zunicken und zugleich Dinge aus ihrem Berufsleben erzählen, als wenn Sie gerade keine Zeit hätten, weil sie die nächste Mondfähre nicht verpassen dürften. Denn die übernächste fliege erst spät und sonst sei man ja nicht so, aber dieses Treffen mit den Grünen Männchen sei eben besonders wichtig. Kennt man, oder?

So jedenfalls auch bei Micha.

Nun wurde ich neugierig und brauchte nicht nachhaken, als es aus ihm herausschoss. Er habe nun das „Fördern und Fordern“ für sich entdeckt.

Er sei ja nun unfreiwillig Experte für das Arbeitslosengeld geworden. Ob ich das eigentlich schon wisse. (geschickter Schachzug! Ich unterbrach ihn aber besser nicht …)

Nun habe die Regierung ja ausgerufen, dass auch kleine Unternehmer und Selbständige schnelle Corona-Hilfe bekommen könnten, wenn Sie das ALG II beantragten. Und so gingen nun alle auf die Webseiten der Jobcenter und laden sich sage und schreibe 47 Seiten Formulare herunter!

„Ich biete jetzt in den ganzen Soaschelmiehdias an, ihnen zu helfen“, so Micha stolz. „Von wegen Lebensverhältnisse, Vermögen,  welche Spalte und Zeile was wie und wo.“

Na, meine Güte, dachte ich.  Und die trauen sich alle nicht, den Hörer aufzulegen, weil es vermutlich die letzte Chance vor dem endgültigen Versterben ist. Prost, Mahlzeit.

Und so bekam auch ich von Micha einen dreiviertelstündigen Vortrag, der seine Expertise unter Beweis stellte. Ich dachte unhörbar vor mich hin, dass – wäre ich im Jobcenter für ihn zuständig – ihm auf lebenslang den Zuschuss einer 6-köpfige Familie zuschanzen würde, nur um Ruhe zu haben.

Als sich leicht seine Stimme beruhigte oder es sich andeutete, dass die 47. Formular-Seite auch bald erklärt schien, nahm ich allen Mut zusammen und fragte einfach in seinen Monolog mit bestimmter Stimme hinein: „Und was forderst Du nun?!?“

„Wie bitte, was meintest Du gerade?!“

„Was fordert Du denn nun?!?“

„Ganz einfach. Nachdem ich alles erkläre, bedanken sich die meisten und sagen, dass Sie auch gern beizeiten was für mich tun würden. Und ich sage immer, ´klar, gib mir nen Schreiben mit Deinem Briefkopf, dass ich mich bei Dir beworben hätte. Datum des Monats gebe ich dir dann durch!`“

Ich hoffe, nicht alle alten Kontakte erinnern sich meiner in so schweren Zeiten ….

Euer John Pütz

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