Initiative ´Gedenken in Harburg` lädt zu Filmabend:

15 Jahre des Stolperns

Demnigs Materialwagen: ein rollendes Mahnmal. (Foto: GiH)

Seit 15 Jahren und Stein um Stein hält ein Künstler auch in Hamburg auf eine ganz eigene Art das Gedenken an Opfer des Nationalsozialismus wach. Ein Film würdigt diese Arbeit.

Am 3. Februar 2003 wurden die ersten Stolpersteine in Harburg und Wilhelmsburg verlegt. In den 15 Jahren sind viele weitere dazu gekommen. Unsere Serie hier in ´Tiefgang` dokumentiert einige wenige davon. Traurig genug. Aus Anlass des 15jährigen Jubiläums lädt nun die Initiative ´Gedenken in Harburg` der Ev.-Luth. Reiherstiegkirchengemeinde und der Geschichtswerkstatt Wilhelmsburg & Hafen zu einem Filmabend am Mittwoch, d. 31.1.2018, 19.00 Uhr, im Gemeindehaus der Paul-Gerhardt-Kirche, Georg-Wilhelm-Straße 121, 21107 Hamburg, ein. Gezeigt wird der Dokumentarfilm ´Stolperstein` von Dörte Franke, der in 76 Minuten den Stolperstein-Künstler Gunter Demnig porträtiert, der Initiator dieses Erinnerungsprojekts. Damit skizziert der Film zugleich die Entwicklung dieses speziellen Beitrags zur europäischen Denkmalskultur.

Die ersten Wilhelmsburger Stolpersteine erinnern an Hermine Baron, die am 23.1.1943 im Getto Theresienstadt umkam, an ihre Tochter Katharina Leipelt, die am 9.12.1943 im Polizeigefängnis Fuhlsbüttel tot aufgefunden wurde, und an ihren Enkel Hans Leipelt, dessen Leben am 29.1.1945 im Gefängnis München-Stadelheim unter dem Fallbeil endete.

Mitglieder der `Initiative Gedenken in Harburg´ und der `Geschichtswerkstatt Wilhelmsburg & Hafen´ gehören seit vielen Jahren zu den mehr als 300 ehrenamtlich tätigen Forscherinnen und Forschern der Hamburger Projektgruppe `Biografische Spurensuche´, die im Herbst 2006 von der Landeszentrale für politische Bildung Hamburg (Dr. Rita Bake) und dem Institut für die Geschichte der deutschen Juden (Dr. Beate Meyer) ins Leben gerufen wurde. Unter wissenschaftlicher Anleitung haben sie in den letzten zehn Jahren rd. 3.000 Biografien von Menschen erarbeitet, für die in Hamburg Stolpersteine gesetzt worden sind oder gesetzt werden sollen.

Die Ergebnisse dieser Recherchen wurden in den bisher erschienenen 17 Bänden der Buchreihe `Stolpersteine in Hamburg – Biografische Spurensuche´, Landeszentrale für politische Bildung Hamburg, Institut für die Geschichte der deutschen Juden (Hrsg.) und auf der Website www . stolpersteine-hamburg.de veröffentlicht. Die Bücher sind zum Preis von 3,- € in der Landeszentrale für politische Bildung Hamburg, Dammtorwall 1, 20354 Hamburg, erhältlich.

Über 61.000 Namen

Besondere Beachtung verdient die Tatsache, dass es den Mitgliedern der `Initiative Gedenken in Harburg´ und der `Geschichtswerkstatt Wilhelmsburg & Hafen´ in den letzten Jahren gelungen ist, auf der Grundlage ihrer Recherchen Kontakte zu zahlreichen Angehörigen der Ermordeten zu knüpfen und mehrere denkwürdige Schülerprojekte zu initiieren.

Im Zentrum des Dokumentarfilms der Regisseurin Dörte Franke steht Gunter Demnig, Konzeptkünstler mit Cowboyhut, der mittlerweile über 61.000 Namen von NS-Opfern in die Bürgersteige Deutschlands und Europas einbetoniert hat. Dörte Franke begleitet ihn auf seiner Fahrt. Sie begegnet dabei Menschen, bei denen diese Minidenkmale auf ganz unterschiedliche Weise einen Nerv treffen.

In Hamburg polieren drei Frauen mühevoll Stolpersteine, um das schwierige Erbe ihrer SS-Väter zu verarbeiten. In Großbritannien kämpft ein Mann um Stolpersteine vor dem Haus seiner ermordeten Eltern in München und scheitert am Münchner Bürgermeister Christian Ude und Charlotte Knobloch vom Zentralrat der Juden in Deutschland. In Österreich sehen zwei Sinti in den Stolpersteinen in Hochburg-Ach einen Grabsteinersatz für ihren Großvater. In Ungarn will eine junge Frau durch das Kunstprojekt ihre Landsleute zum Reden über eine verdrängte Vergangenheit bringen. Der Film ist sowohl Künstlerporträt als auch Roadmovie und dokumentiert zugleich die Geschichte des größten, dezentralen Denkmals der Welt. Dörte Franke porträtiert einen rastlosen Künstler, der es sich zur Lebensaufgabe gemacht hat, ausgelöschte Biografien zurück in den Alltag zu bringen. Er legt dabei großen Wert darauf, dass jeder Stein in mühsamer Handarbeit gefertigt und verlegt wird, da er davon überzeugt ist, dass nur so ein individuelles Schicksal nach Hause gebracht werden kann.

Hinter jedem Stolperstein stehen engagierte Helfer und private Spenden. In den letzten Jahren hat sich vielerorts eine Bürgerbewegung formiert, die täglich weiter wächst. Und immer mehr Menschen werden durch diese kleinen Messingplatten zugleich zu einer verstärkten Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit angestoßen, der sie lange ausgewichen sind.

Stolpersteine für Hans und Katharina Leipelt sowie für Hermine Baron

Die ersten Wilhelmsburger Stolpersteine wurden am Montag, d. 3. Februar 2003, von Gunter Demnig, dem Initiator des Erinnerungsprojekts, in der Mannesallee 20 verlegt. Sie erinnern an Hans (18.7.1921 – 29.1.1945) und Katharina Leipelt, geb. Baron, (28.5.1892 – 9.12.1943) sowie an Hermine Baron, (15.9.1866 – 22.1.1943), die einst dort wohnten und von den Nationalsozialisten ermordet wurden. Katharina Baron wuchs als evangelisch getauftes Mädchen in einem ursprünglich jüdischen Elternhaus in Wien auf. Nach ihrer Promotion heiratete sie den katholischen Dipl. Ing. Conrad Leipelt, den späteren Direktor der Wilhelmsburger Zinnwerke am Veringkanal.

Die Nürnberger Rassengesetze der Nationalsozialisten von 1935, die alle Menschen, die jüdische Eltern bzw. zwei jüdische Großeltern hatten, zu Nichtariern erklärten, griffen tief in das Leben Katharina Leipelts und ihrer Familie ein. Ihr Sohn Hans wurde 1940 unehrenhaft aus der Wehrmacht entlassen und 1941 von der Hamburger Universität vom Studium ausgeschlossen. Ihre evangelisch getaufte Mutter wurde 1942 nach Theresienstadt deportiert und dort ermordet.

Noch bedrohlicher wurde die Lage, als Katharinas Leipelts Ehemann 1942 starb und ihr Sohn 1943 verhaftet wurde, nachdem er Flugblätter der `Weißen Rose´, einer Münchner Widerstandsgruppe, verteilt und Geld für die Angehörigen der Familie eines ihrer ermordeten Mitglieder gesammelt hatte. Auch Katharina Leipelt wurde festgenommen und kurz danach tot in ihrer Zelle im Polizeigefängnis Fuhlsbüttel aufgefunden. 13 Monate später endete Hans Leipelts Lebensweg auf dem Schafott. Er war der letzte Todeskandidat, der vor dem Ende der NS-Herrschaft mit dem Fallbeil in der Haftanstalt München-Stadelheim hingerichtet wurde.

Weiteführende Links: www.gedenken-in-harburg.de, www.stolpersteine-hamburg.de

Termin: 31. Jan. 2018, Gemeindehaus der Paul-Gerhardt-Kirche, Georg-Wilhelm-Straße 121, 21107 Hamburg, 19h

Siehe auch: sued-kultur.de

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